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ÜBER
INDIANER UND IHRE ERFINDER
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von Reinhard Mandl
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wer von der hiesigen Indianerliteratur nur die fettgedruckten Zitate auf
den Buchrücken gelesen hat, weiß schon fast alles: 'Nur
ein toter Indianer ist ein guter Indianer!'
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Weniger
bekannt dürfte sein, dass Indianerinnen noch schlimmer dran waren. Wie
zum Beispiel das Schoschone-Mädchen Sacagawea, das im zarten Alter
von neunzehn Jahren, mit ihrem einjährigen Sohn auf dem Rücken, die
'Lewis & Clark'-Expedition durch den damals noch unerforschten
amerikanischen Westen begleitet hatte. Für diese Leistung wurde Sacagawea
nach ihrem Tod zur 'Madonna ihrer Rasse' gekürt und mit allerlei
Gedenkstatuen im ganzen Land bedacht. Indianerfrauen mussten also mehr
als nur tot sein, um der weißen Geschichtsschreibung 'gut' in Erinnerung
zu bleiben. Ihnen wurde obendrein ein Beitrag zum Vorstoß der
Zivilisation abverlangt.
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Recht
viel mehr gibt es über 'die'
Indianer im allgemeinen nicht zu sagen, und zwar deshalb nicht, weil es die
Indianer im Sinne eines
Volkes mit mehr oder minder ähnlicher Kultur und Geschichte niemals
gegeben hat.
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Als
sich Columbus in die Neue Welt verirrte, war der nordamerikanische
Kontinent von mehreren hundert verschiedenen Stammesgruppen bewohnt.
Sie verwendeten ebenso viele Sprachen, die teilweise so unterschiedlich
sind wie deutsch und chinesisch. Und auch sonst hatten diese Völker, außer
ihrer Haarfarbe, so wenig gemeinsam wie die Isländer mit den
Griechen oder Türken. Ihre Lebens- und Wirtschaftsformen waren bestimmt
durch die grundverschiedenen Klimazonen, in denen sie lebten.
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Weil
es 'den' Indianer niemals gab, musste man ihn erfinden. Denn er
wurde dringend benötigt und scheinbar brauchen wir ihn heute mehr
denn je: als Projektionsfläche für all die Wünsche und Sehnsüchte,
um die wir in unserer Gesellschaft tagtäglich betrogen werden. So
erklärt sich auch, warum die Klischees vom Indianer stets den
jeweiligen Zeitströmungen unterworfen waren. Winnetou herrscht längst
nicht mehr allein - er muss sich seinen 'Einflussbereich' mit
spirituellen Indianer-Gurus und Ökologie-Propheten, die derzeit groß
in Mode sind, teilen.
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Früher
hatten wir im deutschen Sprachraum unsere Karl May-Geschichten; andere Länder
- andere Indianerlegenden. Die Amerikaner zum Beispiel hatten ihre 'Western'-Filme
und noch früher die sogenannten 'Grenzer'-Romane. Denn an der Grenze
war viel Platz für die Phantasien der braven Puritaner im Osten.
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Klischee's
haben die Eigenheit, dass sie immer auch einen Funken Wahrheit in sich
tragen. Das verzerrte Bild ergibt sich vor allem aus der
Verallgemeinerung des Wahrheitskerns und durch den unrichtigen
Zusammenhang, in dem er dargestellt wird. Ironischerweise geht das am
weitesten verbreitete Indianerklischee auf eine indianische Kulturform
zurück, die erstens nur eine besonders kurzlebige Sonderform unter
den nordamerikanischen Indianerkulturen dargestellt hat, und die
zweitens nur durch weißen Einfluss zu ihrer Hochblüte gelangen konnte.
Die Rede ist von den Prärie- und Plains-Völkern.
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Erst
als die indianischen Büffeljäger um die Mitte des 18. Jahrhunderts in
den Besitz von Pferden gelangten, die zuvor von Weißen in Nordamerika
eingeführt worden waren, konnten sie ihr expansives, kriegerisches
Element voll zur Geltung bringen. Doch kaum 150 Jahre später wurde
ihrer Kultur durch die Ausrottung des Bisons ein jähes Ende bereitet.
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Das
Bild vom berittenen, federngeschmückten und kriegsbemalten Prärie-Indianer
war ein überaus dankbares Sujet für Generationen von
Hollywood-Regisseuren, denen großer 'Verdienst' zukommt. Obwohl sie
längst gestorben sind, leben ihre Bilder dennoch weiter; sie sind
unausrottbar als Indianerklischees in unseren Köpfen verankert.
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Und
das ist bedauerlich, weil es der Auseinandersetzung mit der Realität,
in der indianische Völker in Nordamerika heute leben müssen, schadet.
Gerade heute, wo es ihn erstmals tatsächlich gibt: 'den'
Indianer, diesen kulturell keineswegs gleichen, aber sozial und
wirtschaftlich gleichgemachten
amerikanischen Eingeborenen. Paradoxerweise will von ihm niemand etwas
wissen. Von seiner durchschnittlichen Lebenserwartung von unter fünfzig
Jahren ebenso wenig, wie von der erschreckend hohen Selbstmordrate
seiner Jugendlichen, die zehnmal so hoch ist, wie im übrigen Amerika
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Reinhard Mandl lebt
als freischaffender Produzent von Tonbildschauen in Wien. Seit 1983
hat er immer wieder Indianerreservate besucht und mehrere Diashows
über die Situation nordamerikanischer Indianer produziert. http://www.reinhardmandl.com/
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