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WAS
HABEN "INDIANERDÖFER" MIT INDIANERN ZU TUN?
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von Evelyn Schiemer
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Mit
dem ersten Grün des Frühlings sprießen auch diverse
Freizeit-Attraktionen, die in irgendeiner Form das Wort
"Indianer" in ihrem Titel führen. Um Mitarbeit und Unterstützung
wird der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas ziemlich regelmäßig
angesprochen. Die Medien berichten meist großzügig über die
Veranstaltungen. Sollte doch alles schön und gut sein für die
Indianer, nicht wahr?
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Der
Arbeitskreis kommt also nicht umhin, sich mit dem Phänomen
"Indianerdörfer in Österreich" auseinander zu setzen. Vorab:
Der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas besteht seit 1981. Seine Abkürzung
"Akin" lehnt sich an das englische Wort mit der Bedeutung
"verwandt" an und hat mit einer anderen Organisation, die eine
gleichlautende Abkürzung führt, nichts zu tun. Ziel des Arbeitskreises
ist es, die indigenen Völker in Nordamerika (denn so lautet die
richtige Bezeichnung) in ihrem Ringen um politische und soziale
Gerechtigkeit und um das Überleben ihrer jeweiligen Kultur und Identität
zu unterstützen. Der Arbeitskreis arbeitet mit indigenen Aktivisten
zusammen, die sich den Traditionen ihres jeweiligen Volkes verbunden und
verpflichtet fühlen. Alle Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig.
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Die
diversen Freizeit-Angebote, die in irgendeiner Form den Namen
"Indianer" enthalten, sind in der Regel Veranstaltungen, die
mit einem Minimalaufwand an Kreativität und Phantasie möglichst viel
Publikum anziehen sollen. Nach dem Motto "Je älter der Hut, desto
höher der Gewinn", finden sich bei all den - recht unterschiedlich
beworbenen - Veranstaltungen das unverzichtbare Tipi, Indianer in
Lederbekleidung, Kurse in Bogenschießen, Kriegsbemalung,
"Indianertänze" etc. Auch wenn schon alle Spatzen vom Dach
pfeifen, dass ein Totempfahl kein Marterpfahl ist, dass "Indianerüberfälle"
Ausdruck eines verzweifelten Kampfes um Land und Leben waren, dass der
Alltag im traditionellen Tipidorf durchaus nicht die reine Idylle war:
Kaum ein Veranstalter will auf die altbewährten Klischees verzichten.
Mit dem realen, "normalen" Leben der indigenen Völker in
Nordamerika lassen sich eben keine Besucher anlocken. Und schon gar
nicht mit der Darstellung ihrer politischen und sozialen Probleme.
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Die
Auswahl der kulturellen Sujets, die bei den Veranstaltungen verwendet
werden, wird der tatsächlichen Vielfalt indianischer Traditionen nicht
gerecht. Sie stellt nur den kleinen Aspekt dar, der im Klischeedenken
der erhofften Besucher verankert ist. Es soll damit nicht gesagt sein,
dass Klischees grundsätzlich falsche Informationen beinhalten. Ein
Beispiel: Wachauer Trachtenhauben sind sehr wohl ein Teil
traditioneller Bekleidung in Österreich, aber keineswegs im ganzen
Land. Eine kritische und differenzierte Betrachtungsweise ist hier wie
da unerlässlich.
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"Die
Besucher wollen ihre eigenen Vorstellungen von Indianern, die bei uns
fast zu hundert Prozent durch Karl May geprägt wurden und falscher
nicht sein können, bestätigt sehen. Das wirkliche Leben, die Vielfalt
der Kulturen, aber auch die vielen Probleme der Indianer interessieren
sie wenig", sagt dazu Dr. Peter Schwarzbauer, Obmann der GfbV und
Leiter des Arbeitskreises. "Die Indianer Nordamerikas sind bis
heute politischer Ungleichheit und einem enormen Assimilationsdruck
ausgesetzt. Nach wie vor werden natürliche Ressourcen auf
traditionellen Indianergebieten - wie Bodenschätze oder Holz - fast
ausschließlich von nicht-indianischenen Firmen ausgebeutet. Wenn die
Indianer ihren gerechten Anteil fordern, werden sie in der Öffentlichkeit
als "maßlos gierig" desavouiert."
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Um
Authentizität und guten Willen gegenüber den Indianern zu beweisen,
werden oft (keineswegs aber immer) Vertreter von indigenen Nationen in
Nordamerika engagiert. Die einzelnen Indianer, die im
"Indianerdorf" arbeiten, reagieren recht unterschiedlich auf
die Situation, in der sie sich finden. Manche adaptieren sich rasch und
(er)finden gleich eine historische Beziehung zwischen Karl May und den
Indianern.
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Andere fühlen sich erdrückt von den Stereotypien, die sie
umgeben. Eine indianische Rockband wies entrüstet das Verlangen der
Veranstalter zurück, sich zumindest ein wenig als
"Indianer" zu kleiden, also ein paar Federn ins Haar zu
stecken. "Wir spielen Rock-Musik, nicht Indianer", sagte der
Bandleader. Das - vertraglich zugesicherte - Konzert wurde daraufhin
unter fadenscheinigen Begründungen abgesagt.
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Iyotte, Bandleader der Rockband "Arrowspace" einem
Indianerdorf 1998
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Wieder
andere versuchen, zwischen Tanz und Kinderbemalkurs dem Publikum möglichst
viel von ihrem jetzigen, tatsächlichen Leben als Indigene zu erzählen.
Sich als "Indianer" zu vermarkten ist schließlich einer der
Jobs, die ihnen jederzeit offen stehen, in Europa ebenso wie in
Nordamerika, und man sucht aus der Not eine Tugend zu machen.
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Eine
klare Front besteht bei den Traditionalisten unter den Indianern aber
gegen die Ausbeutung ihres spirituellen Wissens. In einer
"Kriegserklärung gegen Ausbeuter der Spiritualität der
Lakota" haben die traditionellen Führer der Dakota, Lakota und
Nakota (Sioux, Süddakota, USA) schon 1993 alle Indianernationen
aufgerufen, sie in diesem Kampf zu unterstützen und einig zu sein.
Heilige Zeremonien gehören zu den letzten noch vorhandenen Schätzen
indigener Kulturen. Wer dafür Geld nimmt, begeht eine Blasphemie.
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Freilich
kann auch durch den Besuch eines "Indianerdorfes" der eine
oder andere interkulturelle Kontakt zustande kommen und man authentische
Informationen über Indianer erhalten. Im großen und ganzen helfen
diese Einrichtungen den Indianern aber nicht. Die Anwesenheit von
indigenen Vertretern verführt das Publikum dazu, seine
Klischeevorstellungen für die Wahrheit zu halten. Die gebotenen
Attraktionen klammern politische, soziale oder menschenrechtliche
Aspekte aus und degradieren das Dasein der indigenen Nationen
Nordamerikas zu Kinderspiel und Freizeitgestaltung von Karl-May-Fans.
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April 2001
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