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Sisters in Spirit

Vermisst: 500 Indianerinnen - Protestkampagne in Kanada

von Monika Seiller

Am 22. März 2004 startete die Organisation Native Women’s Association of Canada die Aktionskampagne „Sisters in Spirit“. In Ottawa, Vancouver und weiteren zehn kanadischen Städten möchten die Organisatoren – unterstützt von Amnesty International wie auch der Anglican and United Church als auch lokalen Gruppen auf die Situation indigener Frauen aufmerksam machen, die seit Beginn der Kolonialisierung bis heute Rassismus und Sexismus ausgesetzt sind. Trauriger Hintergrund der Kampagne ist die erschreckend hohe Zahl der vermissten oder ermordeten Frauen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden rund 500 Indianerinnen in ganz Kanada als vermisst oder ermordet gemeldet, ohne dass die kanadischen Behörden oder die Justiz auf den Ernst der Lage reagierten.

Sisters in Spirit Campaign- NWAC
 

Helen Betty Osborne war gerade auf dem Heimweg. Die fröhliche 19-jährige Cree, die ursprünglich aus dem Norway House Indian Reserve stammte, wollte nach ihrem Studium einmal Lehrerin werden. Aber an dem kalten Samstagmorgen in The Pas im kanadischen Manitoba wollte sie einfach nur nach Hause, denn der eisige Wind pfiff schneidend durch die Straßen. Am 13. November 1971 lief sie gerade die Third Street entlang, als ein Wagen mit vier jungen Männern neben ihr anhielt. Dwayne Johnston, James Houghton, Lee Colgan und Norman Manger hatten schon einiges getrunken - vor allem Wein, den sie zuvor in einem Schnapsladen gestohlen hatten. Als sie die junge Frau sahen, stieg Houghton auf die Bremse und Johnston sprang aus dem Wagen, um Helen zu überreden, sie auf eine Party zu begleiten. Die vier angerunkenen Männer wirkten auf Helen wenig einladend und sie lehnte rundweg ab, denn sie wolle nach Hause. Doch Johnston blieb hartnäckig und redete weiter auf sie ein. Als sie gerade weitergehen wollte, packte Johnston sie an der Schulter und zerrte sie ins Auto, das sofort losfuhr. Helen schrie und versuchte sich zu befreien, doch gegen vier kräftige Männer hatte sie keine Chance.

Im Auto rissen sie ihr die Kleider vom Leib und vergewaltigten sie. Schließlich brachten sie Helen an den Clearwater Lake. Nackt und panisch vor Angst wollte sie davonrennen, doch die Männer packten sie und schlugen wild auf sie ein. Johnston griff nach einem Schraubenzieher. Mit 50 Einstichen im Leib und gräßlich entstelltem Gesicht ließen sie Helens Leiche am Seeufer zurück und kehrten getrennten Weges in die Stadt zurück.

Helens Tod erlangte traurige Berühmtheit, denn die Täter wurden erst 16 Jahre später zur Rechenschaft gezogen. Im Dezember 1987 wurde Johnston wegen Mordes verurteilt, Houghton freigesprochen, Colgan erhielt Straffreiheit als Zeuge und gegen Manger wurde niemals Anklage erhoben. Gleichgültigkeit der Behörden und der Justiz waren der Grund für diesen späten Prozess. Schon kurz nach der Tat wiesen die ersten Indizien auf die Täter, doch die Polizei ermittelte erst im Reservat und gab dann alle Nachforschungen auf.

So bestürzend das Schicksal von Helen Betty Osborne ist, zeigt sich dahinter ein System von Diskriminierung, das eine erschreckende Allianz zwischen Sexismus und Rassismus eingeht. Wäre Helen keine Cree gewesen, hätten die Behörden schon zu Beginn ihre Nachforschungen intensiver betrieben. 1997 wurde Osborne auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen.

Die Zahl ähnlicher Fälle offenbarte in den letzten zwei Jahrzehnten ein so erschreckendes Ausmaß, dass schließlich 1999 eine Kommission eingesetzt wurde, welche die polizeilichen und juristischen Versäumnisse untersuchte und die Befürchtungen bestätigte, dass vor allem alltäglicher Rassismus Ursache der Gewalt gegen indianische Frauen und auch der Gleichgültigkeit der Behörden ist.

Rund 500 indianische Frauen wurden in den letzten 15 Jahren als vermisst gemeldet oder ermordet aufgefunden. Selbst der Fall des Serienkillers John Crawford, der vier Indianerinnen brutal ermorden konnte, während die Polizei beinahe zuschaute, veranlasste die Behörden nicht zum Handeln. Klagen wurden nicht erhoben, Untersuchungen nicht eingeleitet mit dem Argument, es habe sich ohnehin nur um eine Prostituierte gehandelt, eine Trinkerin und vor allem „nur“ um eine Indianerin.

Die Regierungskommission bestätigte in ihrer Untersuchung die Vorwürfe zahlreicher Organisationen, die seit langem auf die Diskriminierungen gegen Indianer und insbesondere Indianerinnen hingewiesen hatten. Proteste gegen die Vorfälle und die Gleichgültigkeit der Behörden erhoben nicht nur indianische Organisationen und die Betroffenen, sondern auch Menschenrechts- und Frauenorganisationen im ganzen Land. In einem umfassenden Bericht vom Dezember 2002 an den Special Rapporteur der Vereinten Nationen legte die Organisation Native Women’s Association of Canada (NWAC) zahlreiche Fälle dar und belegte die systematische Diskriminierung durch das kanadische Justizsystem und die Behörden. Wiederholte Forderungen an die Verantwortlichen zeigten bislang wenig Wirkung. NWAC entschloss sich daher nun zu einer landesweiten Kampagne - unterstützt von Amnesty International, indigenen Organisationen, Frauengruppen und der United and Anglican Church. NWAC wurde 1974 als Zusammenschluss zahlreicher indigener Frauenorganisationen gegründet, die Regionalgruppen in allen Landesteilen unterhalten.

500 vermisste Frauen sind nur die auffälligsten Beispiele für den Rassismus, mit dem indigenen Frauen begegnet wird. Indianerinnen  sterben fünfmal häufiger eines gewaltsamen Todes als nichtindianische Kanadierinnen, musste selbst das Indianerministerium einräumen. Häufig sind sie bereits im Kindesalter Mißbrauch und Gewalt ausgesetzt. Am untersten  Ende des sozialen Gefüges erleben sie Elend, Diskriminierung und Rassismus. Die Kolonisierung riss die indianischen Frauen aus ihrer ursprünglich starken Stellung innerhalb der indigenen Gemeinden. Von der kanadischen Gesellschaft wurden sie ihrer selbstbestimmten Rolle beraubt, matrilinieare Traditionen wurden zerstört und die Frauen wurden an den Herd verbannt - unter anderem durch den Einfluss der Handelsgesellschaften wie der Hudson’s Bay Company, welche die Frauen selbst gegen die eigenen Männer auspielte . Auch das System der Zwangsadoptionen, Residential Schools und der Indian Act, durch den Frauen im Fall einer Mischehe ssogar ihren indianischen Status verloren, trugen zur miserablen Lage der Mädchen und Frauen bei.

Diese führte zu einer Schwächung ihrer Position innerhalb der indianischen Gemeinden, von der sie sich erst langsam emanzipieren können. Indianische Frauen wurden von Anbeginn diskriminiert, doch nun gehen die Frauen verstärkt an die Öffentlichkeit und beginnen sich zu wehren.

 

Unterstützung finden sie auch von seiten der UNO, völkerrechtlichen Konventionen (u.a. Konvention zur Eliminierung der Diskriminierung gegen Frauen, Konvention über die Rechte der Kinder, Sozial- und Wirtschaftspakte und internationaler Konferenzen, Konvention gegen Rassismus etc.) sowie der World Conference Against Racism im August 2001 in Südafrika, so dass sich schließlich die kanadische Regierung gezwungen sah, auf den Protest zu reagieren.

Mitte April 2004 traf sich Kanadas neuer Premierminister Paul Martin mit der Präsidentin der Native Women’s Association of Canada, Terri Brown zu einem Gespräch am Runden Tisch. Terri Brown, die sich seit 30 Jahren für die indigenen Rechte engagiert und selbst über Jahre an den Sitzungen der Vereinten Nationen teilgenommen hat, stammt von den Tahltan aus British Columbia. Seit langem fordert sie zusätzliche finanzielle Mittel von der Regierung, um die Suche nach den vermissten Frauen verstärken zu können, Licht in das Dunkel von Diskriminierung, Gewalt und Behördenwillkür zu bringen und Anti-Diskriminierungsprogramme zu finanzieren. Die Regierung hat zwar ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, die Diskriminierung der indianischen Frauen zu bekämpfen, doch keine konkreten Schritte erkennen lassen. Dabei hatte die Reierung noch in der letzten Thronrede ihr besonderes Bedauern ob der erbärmlichen Lebensbedingungen in den Reservaten bekundet und Abhilfe als oberste Priorität der Regierungspolitik bezeichnet. Doch Reden und Handeln klaffen nicht zum ersten Mal auseinander. Auch die eingesetzten Kommissionen  und Untersuchungen von 1991 und 1999 blieben weitgehend folgenlos.

Die am 22. März begonnene Kampagne ist auf ein Jahr angelegt und soll bis März 2005 endlich die Öffentlichkeit im ganzen Land wachrütteln. Die tragischen Fälle der vermissten oder ermorderten Frauen sind kein dunkles Kapitel einer traurigen Vergangenheit, sondern erschreckende Gegenwart. Der jüngste Vermisstenfall ist Sunshine April Hilda Wood. Von ihr fehlt seit dem 20. Februar jedes Lebenszeichen.