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STEREOTYPEN
VERSUS REALITÄT
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von Michaela
Mayer
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Über
keine anderen ethischen Gruppen in den USA gibt es so viele
Klischeevorstellungen, die in Comicheften, Filmen, aber leider auch in
Lehrbüchern weiterverbreitet werden wie über Indianer. Diese
verzerrten Bilder indigener Kulturen und deren Träger variieren im
Laufe der Zeit: von unzivilisierten Männern und Frauen, wie sie von frühen
EinwanderInnen zum Teil gesehen wurden, bis zu mystischen
„Umweltheiligen“, wie sie heute manchen Indianerfreak ins Konzept
passen.
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Andere
sehen sie als hoffnungslose AlkoholikerInnen, wie eine oberflächige
Betrachtungsweise vielleicht nahe liegt. Im Folgenden sollen einige der
hartnäckigsten Stereotypen der entsprechenden Realität gegenüber
gestellt werden.
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Alle
von uns haben wohl eine Vorstellung davon, wie ein „echter“ Indianer
auszusehen hat. Für viele heißt das: große Männer mit langen
schwarzen, geflochtenem Haar, gekleidet in Wildleder und Mokassins;
Frauen mit Barbie-Puppen-Figur und knappen Röckchen.So kann es schon
einmal vorkommen, dass TouristInnen sich beim Besuch eines
Pueoblo-Dorfes im Südwesten der USA wundern, wo denn all die
„richtigen“ Indianer wären, weil sie die Menschen neben ihnen, mit
kurzem Haar und in Jeans, nicht als Indigene erkennen.
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Trotz
großer kultureller Unterschiede zwischen den verschiedenen Volksgruppen
herrscht der Glaube vor, dass alle Indianer gleich sind. Sämtliche 511
heute allein in den USA offiziell anerkannte indianische Gemeinschaften
in einen Topf zu werfen, ist jedoch wohl genauso wenig sinnvoll. Wie
alle europäischen Völker als eines anzusehen. Weder sprechen alle
dieselbe Sprache, noch haben sie eine einheitliche Herkunft, die selben
Wertvorstellungen oder religiösen Anschauungen. Viele LehrerInnen in
den USA lassen die Geschichte der Indianer fast ganz aus und beginnen
erst mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. In der Geschichte der
Besiedlung der USA durch europäische EinwandererInnen kommen Indianer
nur als „Hindernis“ vor. So haben SchülerInnen und StudentInnen nur
wenige Informationen über die Urweinwohner ihrer Heimat oder ein
falsches Bild von deren Kulturen.
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Europäer
wie auch US-Amerikaner glauben oft, dass Indianergrundsätzlich nur im
Reservat leben (müssen), dort in Tipis wohnen , auf Pferden reiten und
Federhauben tragen. Doch in den 286 Reservaten in den USA lebt nur ein
geringer Teil der annähernd vier Millionen Menschen, die sich bei der
letzten Volkszählung selbst als Indianer“ bezeichnet haben. Die
Mehrheit lebt im urbanen Gebieten. Heute werden Tipis kaum mehr als
Dauerwohnsitz benutzt, wohl aber bei religiösen Zeremonien und Festivitäten.
Pferde können sich die wenigsten leisten. Aufden Reservaten, wo die
Haltung nicht so kostspielig ist, haben sie ebenso Freizeit-und Sortwert
wie bei uns.
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Die
Indianer hatten –müßig das zu sagen- natürlich ihre eigenen
Kulturen und sozialen und politischen Ordnungen vor Ankunft der Europäer.
Aber sie wurden als unzivilisiert und unterentwicklet angesehen, denn
die Europäer betrachteten nur ihre eigene Lebensweise
als“gesittet“. Vergessen wird dabei, dass bei der Gründung der USA
das politische Vorbild der Irokesenliga, vor allem deren demokratisches
Konzept, Eingang in die amerikanische Verfassung fand. Mayas und
Cherokees hatten eine eigene Schrift. Die von allen Indianern gepflegte
mündliche Tradition wurde aber von den Weißen zu Unrecht als primitive
Methode zur Vermittlung von Geschichten und Kultur abgewertet.
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Die
europäischen EinwanderInnen versuchten die Indianer zu
„zivilisieren“, indem sie ihnen diverse christliche
Glaubensrichtungen aufzwangen. Die sich bekehren ließen, wurden als
„gerettete“ Indianer angesehen, wer sich nicht beugte, blieb ein
„Heide. Indianischen Kinder wurden zwangsweise in Internatschulen
gesteckt, wo alles unternommen wurde, um ihre Kultur an der Wurzel
auszurotten. Den Kindern war bei Körperstrafe verboten, die eigene
Sprache zu sprechen, Haare und Kleidung nach ihrer Art zu tragen oder
gar ihre spirituelle Traditionen weiterzuführen. Viele versuchten,
wegzulaufen, viele wurden in den Selbstmord getrieben. Auch wenn sie die
Schule abgeschlossen und anpassungswillig waren, fanden sie nicht die
ihnen versprochene Anererkennung.
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Eins
der schäbigsten Vorurteile besteht darin, die Indianer als blutrünstige
Menschenschlächter darzustellen, was vornehmlich der Filmindustrie
viele publikumswirksame Sequenzen von minderem Wahrheitsgehalt
bescherte. Im Zuge der Besiedlung durch Europäer fanden unzählige Überfälle
und Massaker von Weißen an Indianern statt- man wollte ja deren Land!
Die Ureinwohner kämpften, um ihr Land, ihre Souveränität und ihre
Lebensweise zu verteidigen. Durch die Gier der Weißen gab es auf beiden
Seiten viele Tote. Trotzdem schoben die Europäer den Indianern die
alleinige Schuld daran zu. Gemetzel an der indianischen Bevölkerung
wurden alsgroße militärische Siege dargestellt, wie beispielsweise
1891 das Massaker von Woudned Knee.
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Gern
wird auch der Beitrag der Indianer zur heutigen US-Kultur
totgeschwiegen. Bis zu 60 Prozent unserer täglichen Nahrungsmittel
stammen ursprünglich aus Amerika. Die ersten SiedlerInnen hätten ohne
die Hilfe der Indianer nicht überlebt. Diese zeigten ihnen die
notwendigen Lebensmittel und machten sie mit Heilpflanzen und
Heilmethoden vetraut. In neuerer Geschichte taten viele Indianer Dienst
in der US-Armee, wie zum Beispiel in den Weltkriegen, in Vietnam- und im
Golfkrieg, weil sie dies als Fortsetzung ihrer Kiregertradition sehen.
Viele Native Americans sind als Rechtsanwälte Arzte, Lehrer,
Sozialarbeiter, Wissenschaftler und Athleten tätig. Bundesstaaten, Flüsse,
Berge und Städte tragen Bezeichnungen indianischer Herkunft, wie
z.B:Alabama, Mississippi, Miami oder Seattle.
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Indianer
leben –so geht ein weiteres Vorurteil vieler Weißer- gut von den
Zuwendungen der US-Regierung, entweder aufgrund direkter
Zahlung(Sozialhilfe) oder Privilegien (Jagd- Fischereirechte,
steuerliche Behandlung). Auf Sozialhilfe angewiesen zu sein ist aber
auch für Indianer kein Vergnügen und keineswegs erstrebenswert. Jagd-
und Fischereirechte sind zum Großteil Reste ihrer ehemaligen
wirtschaftlichen Autarkie. Allerdings darf die US-Regierung keine
Steuern auf Einkommen einheben, die auf Reservaten verdient wurden.
Indaner,die außerhalb der Reservation arbeiten, unterliegen aber den
allgemeinen Steuergesetzen.
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Das
Klischee vom betrunkenen Indianer trägt ebenfalls zum verzerrten Bild
von den Native Americans bei.Freillich gibt es AlkoholikerInnen unter
ihnen, aber auch solche, die nur gelegentlich oder nie Alkohol
konsumieren. Als die Europäer nach Amerika kamen, brachten sie
alkoholische Getränke mit, die den Ureinwohnern ungekannt waren.
Indianer wurden oft zum Trinken verleitet, weil sie dann bei den Geschäften
besser übers Ohr gehaut werden konnten. Später sahen die Indianer –
wie ja so viele andere Menschen auch – im Alkoholrausch eine Möglichkeit,
Sorgen, und Prolbeme zu vergessen, die ihnen die Weißen zugefügt
hatten.
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Im
19. Jahrhunderts wurden die Volksgruppen in Reservate umgesiedelt, wobei
nur die wenigsten ihrer ursprünglichen Lebensraum beibehalten konnten.
In diesen kleinen, unwirtlichen und keinerlei wirtschaftliche Basis
bietenden Gebieten stiegen bei den Indigenen Krankheiten und psychischer
Stress auf Grund der fruchtbaren Armut. Die Auswegslosigkeit dieser
Situation- Verlust der Selbstbestimmung, Zerstörung der sozialen
Strukturen, Vetreibung aus dem angestammten Lebensraum, zwangsweise veränderte
Wirtschaftsform mit dem Verlust wirtschaftlicher Autarkie – trieben
viele zur Verzweiflung und damit in die Abhängigkeit von Drogen und
Alkohol. Heute sind die Indianer natürlich nicht die einzige ethnische
Gruppe in Amerika (und anderswo), die massive Probleme mit dem
Missbrauch von Alkohol und Drogen hat. Sie finden es aber nicht
notwendig, ihren Rausch zu verheimlichen und erregen dadurch leichter
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
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Zum
heißen Diskussionspunkt ist in den letzten Jahren die Verwendung
indianischer Namen oder Symbole für profane Zwecke wie
Sportmannschaften, Highschool-Teams etc. in den USA geworden. „Wir
haben einfach einen Indianer gewählt. Wir hätten genauso gut ein
unzivilisiertes Tier nehmen können“, sagt ein Schüler einer
US-Highschool und gibt damit gleich ein gutes Beispiel für das Ausmaß
der Diskriminierung, das hinter den harmlos scheinenden Praktiken
steckt. Allein in Kalifornien gibt es ungefähr 180 Schulen, die
Bezeichnungen wie „Warriors“,“Chiefs“, „Indians“ oder
„Redskins“ tragen. Bzw. sich mit indianischen Symbolen, wie
Trommeln, Adlerfedern, schmücken und damit diese traditionellen
Artefakte indigener Kulturen entwürdigen. Nicht nur Indianer selbst
lehnen sich gegen die damit verbundenen Abwertung auf, sondern auch die
amerikanische Kommission für zivile Rechte fordert ein Ende dieser
Unsitte. Bezeichnungen wie „Savages“ oder „Redskins“ geben
besonders im Zusammenhang mit Schulen ein schlechtes Beispiel
gegenseitigen Respekts ab. Adlerfedern haben bei den Indigenen einen
spirituellen Aspekt und nichts bei Fußballspielen verloren.
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Manche
Indianer empfinden andererseits aber auch Stolz, wenn dergleichen
Bezeichnungen verwendet werden, da dies nicht aus vordergründig
rassistischen Erwägungen oder mit einem negativen Ziel verbunden ist.
Sie denken, dass ein Teil der Geschichte der USA verloren ginge, wenn
alle diese Bezeichnungen verschwinden. Dem wird entgegengehalten, dass
rassistische Maskottchen zur Charakterisierung ganzer Volksgruppen
missbraucht werden. Eines der in den USA bekanntesten Beispiele für
Diskriminierung ist „Chief Warrior“, eine dümmlich grinsende Figur,
Maskottchen einer Baseballmannschaft. Glücklicherweise setzt bei den
Bildungseinrichtungen doch langsam ein Umdenken ein. Die St. John’s
University in New York änderten die Bezeichnung einer ihrer
Sortmannschaften von „Redman“ auf „Red Storm“, eine andere
Schule machte aus ihrem „Redskins“ die „Red Hawks“.
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All
diese stereotypen Betrachtungsweisen machen es den Indianer nicht
leichter, sich ihre eigene Kultur zu bewahren. Die Klischees fördern
bei ihnen Frustration, Angst, Unsicherheit und führen zu einem Gefühl
der Hilflosigkeit, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Die geringschätzige
Haltung der Weißen ihnen gegenüber beeinträchtigt ihr Selbstwertgefühl
tief. Im praktischen Leben wirkt es sich negativ aus, wie zum Beispiel
bei der Arbeitssuche. Aufklärungsarbeit, die schon in der Schule
beginnt, ist daher ein dringliches Gebot, um das vorurteilsbeladene
Image der Indianerzu korrigieren.
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September 2001
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