Michael Smith – ein Sioux aus Montana veränderte die indianische Filmwelt – Ein Nachruf

Am 14. Februar 2018 schloss Michael Smith seine Augen für immer. Er hat dem „indianischen“ Film eine Plattform gegeben und eine Aufmerksamkeit, die dieser vorher nicht hatte. Michael hat vielen Indigenen Nordamerikas gezeigt, dass das Medium Film eine Möglichkeit ist, sich auszudrücken, sich zu zeigen, sich sichtbar zu machen, ihrer Botschaft ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Und er hat mit seiner Arbeit vielen Indianern* das Bewusstsein vermittelt: „Wir sind immer noch hier, wir sind stark, wir sind schön und wir haben etwas zu sagen!“

Ein Sioux aus Montana und die indianische Filmwelt

Michael Smith

Michael Smith

Vor 43 Jahren hat Michael Smith das „Indian Film Festival“ in Seattle gegründet. Daraus ging das „American Indian Film Institute“ hervor. Den Namen wählte er in Anlehnung an das „American Film Institute“, das jährlich den „Oscar“ vergibt.

Er – ein „Sioux“ aus der Fort Peck Indian Reservation in Montana** – lebte damals in Seattle, wo es eine große indianische Community gab.

Zu dieser Zeit sah man im Kino und im Fernsehen Westernfilme, in welchen Indianer meist die Rolle der Bösewichte hatten und von bronzefarben angemalten Weißen dargestellt wurden.

Als Dreiundzwanzigjähriger wollte er dazu beitragen, dies zu ändern. Er wollte Kino über und von Indianern für Indianer bringen. Kino, das Indianer nicht zu Statisten und exotischem Aufputz degradiert oder bloß Angehörige historischer Völker porträtiert. Filme, die aktuelle Themen ansprechen mit allen Mitteln des Films – Spielfilme, Dokumentationen, Kurzfilme, Animationsfilme und Musikvideos.

Er schuf einen „alternativen Oscar“ des indianischen Films – und hat die indianische Filmwelt für immer verändert.

Wochenend-Krieger in Alcatraz

„Indians welcome“ und „Indian Land“ haben die Besetzer 1969 auf das Hauptgebäude von Alcatraz geschrieben

1969 – mit 18 Jahren – nahm Michael Smith an der Besetzung von Alcatraz teil. Die ehemalige Gefängnisinsel vor San Francisco war über zwei Jahre in den Händen von Indianern. Letztendlich wurde Alcatraz gewaltsam geräumt.

Der positive Effekt war jedoch die mediale und internationale Wahrnehmung, die sich nun auf den aktuellen Überlebenskampf der Indianer richtete. Es gelang damit, die Regierung und Hilfsorganisationen darauf aufmerksam zu machen. Manche Stämme erhielten ein Stück ihrer ehemaligen Heimat zurück, es gab mehr Gelder für medizinische Versorgung und Ausbildung.

Michael hielt sich zweimal auf Alcatraz auf, das erste Mal eine Woche nach Besetzungsbeginn im November 1969. In Seattle studierte er und hatte gleichzeitig einen 20-Stunden-Job in einem Kaufhaus. In seiner Freizeit engagierte er sich bei Hilfsorganisationen und politischen Organisationen.

Er betreute für eine Organisation 100 indigene Familien – „Stadtindianer“*** wie er. Er besuchte die Familien und fragte sie ganz konkret: „Was braucht ihr?“ Daraus ergaben sich viele Projekte. Er half mit bei der Organisation von Veranstaltungen zur Weitergabe und Vermittlung von Wissen über die eigene Kultur. Zusätzlich engagierte er sich bei der Verteidigung und Durchsetzung von indigenen Fischerei- und Jagdrechten rund um Seattle.

Nach Alcatraz besetzten Indianer das Fort Lawton in Seattle – eine ehemalige Militärkaserne. Sie forderten ein Stück Land für ein indianisches Zentrum. Auch da war Michael dabei.
Im Gegensatz zu Alcatraz verlief diese Besetzung erfolgreich: Die „United Indians of All Tribes Foundation“ existiert dort noch heute und kümmert sich um die Stadtindianer in und rund um Seattle.

Rückblickend nannte er sich einen „Wochenend-Krieger“ – unter der Woche Kaufhausangestellter und Student, am Wochenende Aktivist und im Einsatz für seine indianischen Mitmenschen.

Mit Chief Dan George im Kino

Chief Dan George

Chief Dan George

1972 gab es an seiner Universität die „Indian Awareness Week“ – eine Woche mit Veranstaltungen, in welchen indianische Kulturen und auch indianische Filme im Mittelpunkt standen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Film „Little Big Man“ mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle gezeigt.

Chief Dan George – der „echte“ Chief aus Kanada – war dazu eingeladen. Im Film „Little Big Man“ (1975) hatte er die Rolle des Häuptlings „Old Lodge Skins“. In diesem Film waren die Indianer einmal nicht die Bösen und sie wurden von Indianern und nicht von bronzefarben angemalten Weißen dargestellt.

Michael Smith saß bei der Filmvorführung neben Dan George. Sie teilten das Popcorn und tauschten Kommentare zu dem Film aus. Sie wurden Freunde und Dan George war Gast und Mitbegründer des ersten Filmfestival, das Michael veranstaltete.

Von Seattle nach San Francisco: Die Anfänge des Indianer-Filmfestivals

1975 – als Dreiundzwanzigjähriger – organisierte Michael das erste Filmfestival. Er mietete dazu einen Saal in der Universität und zeigte 17 Filme. Er plante dies als einmaliges Event und ahnte noch nicht, dass er dieses Filmfestival zum American Indian Film Institute (AIFI) ausbauen und die indianische Welt von heute mit einem Mittel von heute – dem Film – nachhaltig beeinflussen würde.

Seine großen persönlichen Helden waren Will Sampson und Chief Dan George.
Will Sampson spielte „Chief Bromden“ in „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975). Hier wurde mal ein echter Indianer in einer für einen Hollywoodfilm unüblichen Rolle gezeigt. Einer, der heute lebt, in einer „Irrenanstalt“ unter anderen Insassen.

Beide – Will Sampson und Dan George – waren nicht nur Gäste am Festival, sondern auch Gründungsmitglieder.

Einen Meilenstein bei seinem Festival bildete der Film „Windwalker“. Ein Film, in dem fast ausschließlich Indianer vorkommen, gesprochen in Cheyenne und Crow, mit englischen Untertiteln. Für die Hauptrolle war Chief Dan George vorgesehen. Er erkrankte und so spielte der Engländer Trevor Howard den „Windwalker“.
Das Academy Awards Komitee wollte den Film für eine Oscar-Nominierung vorschlagen – stand jedoch vor einem Dilemma: Filme, deren Filmsprache nicht englisch war, konnten nur in der Kategorie „fremdsprachiger Film“ nominiert werden. Diese Filme mussten jedoch auch von dem – selbstverständlich nicht-amerikanischen Land – vorgeschlagen werden, aus dem der Film stammt. Ein Film in Cheyenne und Crow passte nicht in die amerikanische Filmwelt. So wurde es leider nichts mit der Oscar-Nominierung.

1977 übersiedelte Michael mit seinem Filmfestival nach San Francisco. Damals gab es eine große und sehr aktive indianische Community in San Francisco.

Nach wenigen Jahren führte er Preisverleihungen ein. In den besten Jahren hatte er das Budget, um Preisverleihungen als Shows nach dem Vorbild der „Oscar“-Verleihung in Hollywood zu organisieren. Er zählte bis zu 5.000 Besucher und kaufte bei Fernsehanstalten Sendezeit für die Übertragung der Show.

Das American Indian Film Institute (AIFI)

Das Filmfestival war zu Michaels Berufung und Beruf, zu seiner Lebensaufgabe geworden.

Filme ansehen und auswählen war ein Bereich, den er zusammen mit einer Jury wahrnahm. Jedes Jahr wurden um die 160 Filme eingereicht, an die 80 Filme schafften es dann auch, im Rahmen des Festivals in den verschiedenen Kategorien gezeigt zu werden.

Er ließ nur Filme aus Nordamerika zu, nicht aus Hawaii. Und nur Filme über „American Indians“. Weil es auf Englisch keinen Unterschied zwischen „Indianer“ und „Inder“ gibt, hatte er regelmäßig Diskussionen mit Indern, deren Familien schon lange Zeit in Nordamerika lebten und die sich auch als „Indigenous Indians of North America“ empfanden.

Aber ohne das nötige Geld kein Festival. Jedes Jahr auf’s Neue war die große Herausforderung, genügend Geld aufzutreiben. Von der Höhe des Budgets hing es ab, wie viele Gäste er einladen, wie viel Werbung er machen und ob er Sendezeit bei Fernsehsendern buchen konnte. Manchmal waren es nur eine Handvoll Gäste, manchmal bis zu 40. Manchmal machte er eine Preisverleihungsshow mit 5.000 Besuchern, die auf mehreren Fernsehkanälen übertragen wurde, manchmal war es nur eine kleine Show.

Die meisten seiner „Klinkenputzer“-Reisen unternahm er mit seinem Auto. Er besuchte Reservate, hielt seine Präsentationen ab und versuchte, zu überzeugen, wie wichtig dieses Filmfestival für das Selbstverständnis der Indianer sei. Seine Ansprechpersonen waren Stammesräte. Viele von ihnen konnte er überzeugen, viele nicht. Manche hatte er als jährliche verlässliche Sponsoren gewonnen. Stammesräte werden alle paar Jahre neu gewählt und so mancher Führungswechsel brachte neue Überzeugungsarbeit mit sich.

Das AIFI Tribal Touring Program

Zusätzlich zu dem einmal im Jahr statt findenden Festival in San Francisco organisierte er seit 2001 das „AIFI Tribal Touring Program“. Damit kamen er und seine Helferinnen und Helfer direkt in Reservate. Alles was man braucht, um Filme zu produzieren und Filme zu zeigen, hatten sie im Gepäck. Das war einerseits eine Art mobiles Festival, das Kino „von Indianern für Indianer“ direkt in die Reservate brachte. Dorthin, wo es vielen unmöglich war, eine Reise nach San Francisco zu unternehmen.

Zusätzlich gab es zehntägige Workshops für Dreizehn- bis Zwanzigjährige. Die Jugendlichen lernten gemeinsam die Grundlagen der Filmherstellung. Sie erhielten dann die Möglichkeit, ihre fertigen Werke beim großen Festival in San Francisco zu präsentieren.

Michael Smith veränderte die indianische Filmwelt nachhaltig

Die Saat, die er säte, ging auf. Durch seine Arbeit pflanzte er in das Bewusstsein vieler junger Indianer die Idee, dass Film eine Möglichkeit ist, sich auszudrücken, sich sichtbar zu machen, der eigenen Gemeinschaft, den eigenen Geschichten und Anliegen ein Bild und eine Stimme zu geben.

Heute gibt es eine bunte vielfältige Filmlandschaft des „indigenen Films“ in Nordamerika. Die Bandbreite geht von einfachen bis zu hoch professionellen Filmen in „Hollywood“-Qualität. Spielfilme, Kinderfilme, Dokumentationen, Animationsfilme und Musikvideos – alle Genres sind vertreten.

Die Pläne des American Indian Film Institutes für die Zukunft

Während es in den Anfangsjahren in San Francisco noch eine große indianische Community gab und sein Publikum hauptsächlich Indianer waren, änderte sich das mit den Jahren. Das Leben in San Francisco, vor allem die Mieten, wurden immer teurer. Viele Indianer verließen die Stadt. Während früher ganze Familien Besucher des Festivals waren, konnten es sich viele nicht mehr leisten, zum Festival mit der ganzen Familie in die Stadt zu kommen. So waren es mit der Zeit mehr Weiße, die sein Festival besuchten und immer weniger Indianer.

Er wollte das Festival wieder zurück nach Seattle verlegen und in San Francisco nur mehr ein kurzes Festival veranstalten. Denn während in San Francisco die indianische Community kleiner geworden ist, ist sie in Seattle angewachsen. Er wollte immer „Kino von und für Indianer“ zeigen und das war in San Francisco nicht mehr möglich.

Michael Smith und „Indianer Inuit: Das Nordamerika Filmfestival“

Michael Smith, Dr. Sonja Schierle, Gunter Lange

Michael Smith in Stuttgart 2018, links Dr. Sonja Schierle, rechts Gunter Lange – die Gründer von „Indianer Inuit: Das Nordamerika Filmfestival“

Im Jänner diesen Jahres war Michael Smith Ehrengast in Stuttgart beim Filmfestival „Indianer Inuit: Das Nordamerika Filmfestival“.

Gunter Lange – einer der Gründer und der künstlerische Leiter dieses Filmfestivals – war als junger Mann viele Monate lang Mitarbeiter von Michael. Beide hatten die Idee, diese Art von „Indianer“-Filmfestival auch nach Europa zu bringen.

So fand dieses Filmfestival ab 2004 alle zwei Jahre statt – im Jänner 2018 zum siebten Mal. Mit jedem Mal steigen die Besucherzahlen und die Medienaufmerksamkeit.

Von Alcatraz bis Standing Rock

Insgesamt war Michael viermal beim Filmfestival in Stuttgart dabei. Dieses Mal moderierte er einige Filme, die ihm am Herzen lagen. So erzählte er nach der gezeigten Dokumentation über die Standing-Rock-Bewegung kurz etwas über seine Erlebnisse auf Alcatraz und den indianischen Widerstand des 20. Jahrhunderts, der daraus hervor ging und jüngst in Standing Rock mündete, wo sich tausende Indigene und Nicht-Indigene gemeinsam gegen den Bau der Dakota Access Pipeline einsetzten.


(Michael Smith zu Alcatraz und Standing Rock,
„Indianer Inuit: Das Nordamerika Filmfestival“ / Stuttgart 2018, Übersetzung: Corinna Veit)

Michael Smith wurde 66 Jahre alt. Am 14. Februar 2018 erlag er einem Herzinfarkt.
Was mit 17 Filmen beim ersten Filmfestival in kleinem Rahmen begann, endete für ihn nach über 3.100 gezeigten Filmen in 42 Jahren.

Wir können nur hoffen, dass das „American Indian Film Institute“ weiter bestehen wird. Seine Tochter Mytia hat bereits bekannt gegeben, dass sie es weiter führen wird.

Michael hinterlässt eine Frau, eine Tochter, einen Sohn und eine Enkeltochter – und eine große Lücke in der „indianischen Filmwelt“.

Angelika Froech


* Ich verwende in diesem Artikel bevorzugt das Wort „Indianer“ anstelle des derzeit gebräuchlichen „Indigene“, da Michael Smith mir gegenüber auch stets „Indians“ und nicht „Indigenous“ verwendete.
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** In der „Fort Peck Indian Reservation“ leben Assiniboine, Dakota und Nakota; Website: www.fortpecktribes.org
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*** Viele Indigene Nordamerikas wurden einerseits durch die „Indian termination policy“ der 1940- bis 1960iger Jahre in die Städte gedrängt, andere flüchteten aus den Reservaten mit deren prekären und perspektivlosen Situationen. Manche sind auch Nachkommen der Völker, die auf dem Gebiet lebten, bevor eine Stadt entstand. “Stadtindianer“ / „urban Indians“ können nicht auf die (meist minimale) soziale und medizinische Versorgung der Reservate zurückgreifen und sie sind noch immer Diskriminierungen ausgesetzt.
Ein Artikel von „Indian Country Today“ zu dem Thema:
https://indiancountrymedianetwork.com/news/opinions/invisible-urban-indians/
Ein Artikel auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Urban_Indian
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Weiterführende Links:
Webseite des American Indian Film Institute (AIFI): www.aifisf.com
Informationen zum AIFI Tribal Touring Program: www.aifisf.com/tribaltouringprogram/
Webseite von INDIANER INUIT: Das Nordamerika Filmfestival: www.nordamerika-filmfestival.com
Webseite von United Indians of All Tribes Foundation / Seattle: www.unitedindians.org

Anmerkung der Verfasserin:
Ich hatte im Jänner 2018 die Ehre und das Vergnügen, Michael Smith beim „Indianer Inuit – Das Nordamerika Filmfestival“ in Stuttgart als ehrenamtliche Gästebetreuerin zu begleiten. Während dieser Zeit hat er mir von seiner Arbeit, seinen Erlebnissen und seinen Plänen erzählt. Seine warme Stimme, sein feiner Humor und seine herzliche Präsenz werden mir unvergessen bleiben. 

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