Winnetou – eine neu aufgelegte deutsche Weihnachts-Legende

RTL brachte Weihnachten 2016 einen „neuen“ Winnetou und seinen deutschen „Blutsbruder“ Old Shatterhand ins Fernsehen – eine Trilogie, die sich nur sehr entfernt an Karl Mays „Winnetou“-Erzählungen orientiert.

„Halbauthentische“ Fantasie-Indianer

Szenenbild aus dem Trailer "Winnetou - der Mythos lebt"

Aus dem Trailer „Winnetou – der Mythos lebt“

Der Film bemühe sich um Authentizität, so lassen die Filmemacher wissen. Man habe sich „bei der Gestaltung der Filme an den Kulturen verschiedener Indianerstämme orientiert“.

Zu sehen ist eine wild-bunte Mischung von Versatzstücken aus verschiedenen indigenen Kulturen Nordamerikas. Apachen in fantasievollen Kostümen, Lakotas sprechend, vor dem Tipi Totempfählen der weit nördlicher lebenden Völker und wir sehen Zeremonien, die eher an germanische oder mongolische Völker erinnen.

Die Apachen als globaler Stamm sozusagen. Irgendwie sind wir ja alle Apachen. Soll das die Botschaft der Filmemacher sein? Wohl eher nicht.

Man habe einen „indianischen“ Berater engagiert, einen „Yankton-Sioux“. Der habe alle „indianischen“ Dialoge auf Lakota übersetzt. Und daher sprechen die Apachen in diesem Film Lakota.
Diese beiden Völker – Apachen und Lakota – lebten über zweitausend Kilometer voneinander entfernt und ihre Lebensweise, ihre Sprachen, ihre Sitten und Gebräuche könnten unterschiedlicher nicht sein.

Spiegel Online meint dazu: „Die Indianer sprechen halbauthentisch eine indianische Sprache (Lakota).“ Wie bitte – was ist „halbauthentisch“ und was soll „Indianisch“ sein? Das wäre ja so, als ob man in einem Film über den ungarischen Aufstand von 1848 die Schauspieler schwedisch sprechen lassen würde. Ist ja schließlich auch eine „europäische“ Sprache. Das würde uns wohl absurd erscheinen. Aber dass Apachen Lakota sprechen, das soll als „halbauthentisch“ durchgehen?

Im dritten Teil hören wir dann mit Staunen, dass auch die Comanchen (Nemene), die Cheyenne (Tsistsistas), die Crow (Absarokee) und Vertreter anderer Völker sich auf Lakota unterhalten. Tatsächlich sprachen alle diese Völker unterschiedliche Sprachen, die so verschieden vonenander sind wie deutsch und chinesisch. (Eine Verständigung unter den Plains-Völkern war durch eine Zeichensprache möglich.)

Von Karl Mays Fantasie zu heutiger Ignoranz und Respektlosigkeit

Studio-Aufnahme eines Mescalero-Knaben, ca. 1885

Studio-Aufnahme eines Mescalero-Knaben, ca. 1885

Karl May hat mit viel Fantasie und Fabulierkunst seine Geschichten ausgeschmückt. Es waren Fiktionen, die er mit dem neuesten Wissen aus damaligen Büchern unterlegt hatte, um seine deutschen Leserinnen und Leser in eine ferne exotische Welt der Abenteuer, böser Schurken und wahrer Freundschaften zu entführen.

130 Jahre später sind Begriffe wie „Diversity“ und „interkulturelle Kompetenz“ mittlerweile in sehr weiten Bereichen unserer Gesellschaft ins Bewusstsein gedrungen. Bei den Filmemachern sind diese Konzepte jedoch noch nicht angekommen.

Es würde wohl niemand mehr einfallen, hellhäutige Schauspieler schwarz anzumalen, um sie uns als Afrikaner vorzuführen, oder die Augen zukneifen zu lassen, um Asiaten darzustellen. Aber kaum jemand findet es im deutschsprachigem Raum seltsam, dass hellhäutige europäische Schauspieler bronzefarben angemalt werden, um als „Indianer“ durchzugehen.

Heute in Zeiten des Internet, in denen jedes Kind sehr schnell herausfinden kann, wie die Apachen von damals aussahen, wie sie lebten und wie sie sprachen, dürften solche Fehlgriffe nicht mehr passieren.

Kein Erfolg mit „Winnetou“ trotz – oder wegen – Stereotypen

Der große Erfolg blieb der Neuauflage von „Winnetou“ verwehrt. Vielleicht hätte gerade eine möglichst genaue Schilderung der dargestellten Völker samt apachesprechenden „Film-Apachen“ die Publikumsaufmerksamkeit und die Akzeptanz erhöht. So verließ man sich auf Stereotypen, die man in den Köpfen der Zusehenden zum Thema „Indianer“ wohl annahm.

Dabei ist die Ausstattung der Filme durchaus liebevoll und detailreich gemacht worden. Schade, dass dabei nur knallbunte „Hollywood-Indianer“ herausgekommen sind.
Man kann den Filmemachern zumindest Ignoranz, Überheblichkeit und Respektlosigkeit vorwerfen – gegenüber einem Volk, dessen Namensbezeichnung sie verwenden.

Wie sagt Intschu Tschuna, der Film-Vater von Winnetou so richtig: „Von Apachen bloß nehmen, niemals geben.“

Angelika Froech


Zitate entnommen aus:
Karl May Wikipedia:
http://karl-may-wiki.de/index.php/Winnetou_(TV-Dreiteiler_2016)
Spiegel Online:
http://www.spiegel.de/kultur/tv/winnetou-auf-rtl-guten-tag-mein-name-ist-karl-may-a-1126598.html
Offizielle Seite von RTL „Winnetou – der Mythos lebt“:
http://winnetou2016.rtl.de

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