Der Kampf der Gwich’in um das Arctic Refuge in Alaska – „den heiligen Ort, wo alles Leben beginnt“

Die Küstenebenen des Arctic National Wildlife Refuge im Nordosten Alaska/USA, des größten Naturschutzgebiets der USA, sind etwas, was auf dieser Erde selten geworden ist: große Weiten komplett unberührter Natur.

Es ist Mitte Dezember 2018, und über diesen Ebenen hängt das Damoklesschwert. Ab Januar oder Februar 2019 könnten schwere Maschinen dort auffahren, 30-Tonnen-Trucks mit über 100-köpfigen Teams und Begleitfahrzeugen, die in Gitternetzlinien mit nur 600 Fuß Abstand diese Wildnis durchkreuzen, um Vibrationen in die Erde zu schicken, seismische Tests, um festzustellen, wie viel unterirdische Öl- und Gasfelder es dort gibt.

Das amerikanische Landwirtschaftsministerium, das baldmöglichst Leasingverkäufe an Öl- und Gasfirmen unter Dach und Fach bekommen will, behauptet, diese Tests hätten keine großen Umweltauswirkungen. Dieser Tage kommt heraus, dass schon vor einigen Monaten im Innenministerium eine Memo kursierte, die klarstellt, dass allein die Population der Southern-Beaufort-Polarbären, von denen es nur noch etwa 900 gibt, durch diese Tests signifikant in Gefahr ist, auszusterben. Wissenschaftler wissen, dass der Einsatz des schweren Geräts auf Permafrostboden unausweichlich zu Veränderungen der Oberfläche, der Wasserläufe, des Pflanzenwachstums – kurz, des gesamten Ökosystems führt. Was weniger bekannt ist: Durch die Erderschütterungen können zudem unkalkulierbare Erdbebenaktivitäten induziert werden, da es in der Gegend immer wieder schwächere Erdbeben gibt.

Dabei ist dieses Gebiet für viele Tiere einzigartig und unverzichtbarer Lebensraum. Nicht nur für die 200.000 Tiere starke Porcupine-Karibuherde, die letzte natürlich ziehende Karibuherde Kanadas und der Welt, die hier jedes Frühjahr ihre Kälber zur Welt bringt, und die für die dort lebenden indigenen Gwich‘in physisch, kulturell und spirituell überlebensnotwendig ist.

Hilferuf der Gwich’in

„Wir rufen alle unsere Partner, Verbündeten und Freunde auf und ermuntern sie, uns, der ganzen Gwich’in Nation und der Porcupine-Karibuherde beizustehen und dem US-Bureau of Land Management mitzuteilen, dass Öl- und Gasbohrungen im Arctic National Wildlife Refuge nicht verantwortungsvoll durchgeführt werden können und die Menschenrechte der Gwich’in bedrohen.“

Als ich am 20. April 2018 diese Ankündigung einer 60-Tages-Frist auf der Website des Vuntut Gwitchin Governments lese, in der man seine Meinung ans amerikanische Landwirtschaftsministerium schicken kann, ist mir klar, dass ich auch etwas schreiben muss. Schließlich habe ich acht Monate lang bei den Gwich’in im kanadischen Old Crow gelebt, habe ihnen die Andersartigkeit meiner selbst zugemutet und ihre Gastfreundschaft erfahren. Diese Meinungserhebung ist verpflichtender Teil des offiziellen Prozesses für Regierungsprojekte, die „sich signifikant auf die Qualität der menschlichen Umwelt auswirken“.

Bedrohung der Lebensgrundlage der Karibuherden, Polarbären, Moschusochsen und der Gwich’in-Nation

Die Coastal Plains des Arctic National Wildlife Refuge (ANWR) sind eine völlig unberührte Wildnis von 1,5 Millionen Acres (etwa 6.070 Quadratkilometer) im US-Bundesstaat Alaska, gleich an der Grenze zu Kanada. Es ist Frühjahrs-Refugium und Geburts-Sammelstätte der letzten großen, vom Menschen unbeeinflusst ziehenden Karibuherde von zurzeit 218.000 Tieren, Zufluchtsort für Polarbären, Überlebensraum bedrohter Moschusochsen, Überwinterungsplatz von über 200 Zugvogelarten aus fünf Kontinenten. Für die Gwich’in auf US-amerikanischer und kanadischer Seite, für die seit Jahrtausenden die Porcupine-Karibuherde Lebensgrundlage ist und die eine tiefe kulturelle und spirituelle Verbundenheit zu ihr pflegen, ist dieser Ort „Iizhik Gwats’an Gwandaii Goodlit“, übersetzt etwa „die heilige Stätte, wo alles Leben beginnt“. Eine Perle, ein „Kronjuwel“ unter den Naturschutzgebieten der USA, „Amerikas Serengeti“.

Seit über 30 Jahren versuchen Menschen, dieses Gebiet für Öl- und Gasausbeute zu öffnen, das laut Umfragen zwei Drittel aller Amerikaner als Naturschatz bewahren wollen. Bis zum Dezember 2017 war die Aufhebung des Schutzstatus letzten Endes immer an der erforderlichen 60-Stimmen-Mehrheit im US-Senat gescheitert, auch dank jahrzehntelangem Einsatz und der Lobbyarbeit von Gwich’in.

Das Arctic Refuge fällt der Trump-Steuerreform zum Opfer

Als ich mein Schreiben aufsetze, habe ich Hoffnung: Das auf Grundlage der Bürgermeinungen erstellte Umweltgutachten („Environment Impact Statement“, EIS) nimmt schwerpunktmäßig auf die eingebrachten Punkte Bezug, bewertet die Situation, macht Alternativvorschläge oder empfiehlt „no action“. Vielleicht geht alles gut, wenn genug besorgte Menschen und Organisationen ihre Stimme erheben, wenn die Beweislast zu schwer wiegt.

Doch beim Recherchieren erfahre ich, „no action“ ist in diesem Fall gar nicht möglich. In der Steuerreform der Trump-Administration vom Dezember 2017 heißt es nämlich, dass mindestens zwei Leasingverkäufe für Öl- und Gasbohrungen in Arealen von je 400.000 Acre (etwa 1.619 Quadratkilometer) innerhalb einer Zehn-Jahres-Frist durchzuführen seien. Der erste innerhalb von vier, der zweite von sieben Jahren. Ebenfalls verbindlich festgelegt ist die Bebauung von mindestens 2000 Acre Oberfläche – was nicht viel klingt, aber da nur die einzelnen Posten wie Pipeline-Stützen zusammengezählt werden, bedeutet das de facto einen Fußabdruck viel größeren Ausmaßes.

Die Industrialisierung der Coastal Plains ist also nicht mehr eine zu prüfende Option, sondern bereits Gesetz, eingegliedert in eine radikale Steuersenkungs-Reform, als finanzieller Ausgleich für die zu erwartenden Steuerausfälle und zu finden auf der siebtletzten Seite im 560-Seiten-Dokument. Was die Funktion des EIS ad absurdum führt und unter den Verantwortlichen selbst etwas „Verwirrung“ ausgelöst hat.

Die Gwich’in-Community Old Crow über dem Polarkreis (Foto: Petra Krumme)

Ein historischer Skandal, der an Mafiamethoden erinnert

Während es für die meisten Gesetzesvorlagen 60 Stimmen bedarf, benötigt eine Steuerreform nur eine 51-Stimmen-Mehrheit im Senat. Die Republikaner haben das Steuergesetz benutzt, um Ressourcenausbeutung in den Coastal Plains durchzubekommen, „weil sie wussten, dass sie die Stimmen im normalen Gesetzgebungsprozess nie bekommen hätten“, so der US-demokratische Senator Ed Markey.

Schon seit Januar 2017, gleich nach Trumps Amtseinführung, bemühte sich die republikanische Senatorin von Alaska Lisa Murkowski unter dem Radar um diesen trickreichen Umweg, eine Öffnung des Arctic Refuge zu erreichen. Während ich im kleinen kanadischen Gwich’in-Dorf lernte, wie man das Fell von Karibuhaut am geschicktesten löst und wie man sie anschließend zu feinem Leder gerbt, und keine Zeit hatte für Politik, „haben wir die Dinge richtig ins Rollen gebracht, aber wir haben es leise getan“, so Murkowski in einem Energiebranchen-Newsletter, um die typischen Versuche von Umweltschützern verhindern, die solche Bemühungen sonst im Vorhinein „aushöhlen und untergraben“.

Es wird aber immer deutlicher, dass hier etwas ganz anderes ausgehöhlt und untergraben wird: das amerikanische Umweltrecht. Die 756.228 Formbriefe und Petitionsteilnahmen, basierend auf 124 Formbriefkampagnen und 16 Petitionen, 4.226 individuellen Stellungnahmen wie meine und 14.000 kanadische Protest-Unterschriften und 2 Briefe territorialer kanadischer Regierungen müssten zu einem Evaluierungsprozess führen, der in der Regel drei bis vier Jahre dauert. Dieser müsste eigentlich daraus bestehen, fehlende oder veraltete Informationen zu eruieren, die bestmöglichen verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse heranzuziehen, Impacts zu bewerten, strikte Schutzmaßnahmen zu formulieren, intensive Government-to-Government-Konsultationen zu führen und die Öffentlichkeit einzubeziehen. Doch der stellvertretende US-Innenminister David Bernhardt hat im August 2017 eine „Rationalisierung“ des Prozesses durchgesetzt und damit dessen Zeit auf etwa ein Jahr verkürzt.

“Es ist schlicht unverantwortlich, ein kaltschnäuziger Affront gegen die Gwich’in und eine Verletzung des Ministerums-Auftrages gegenüber dem amerikanischen Volk, das das Refuge als letzte große amerikanische Wildnis ehrt“, sagt Geoffrey Haskett, früherer Leiter des U.S. Fish & Wildlife Service für Alaska, heute Vorsitzender der National Wildlife Refuge Association. „Die Trump-Administration höhlt die Elemente des amerikanischen Umweltrechts aus.“

Geltendes Recht wird verletzt, die Bedrohung des gesamten Ökosystems wird in Kauf genommen

Den Leasingverkäufen vorgeschaltet sind seismische Tests. Mitte der Achtziger gab es diese schon einmal außerhalb des Refuge: Fahrzeuge fuhren in Gitternetzlinien über das Land, wie es jetzt im Refuge wieder geplant ist, nur deutlich engmaschiger als damals. Luftfotos der Gegend zeigen heute noch immer sichtbare Spuren. Trotz klarer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die das Gegenteil belegen, behauptet das US-Innenministerium, diese Tests könnten ohne signifikante Auswirkungen auf die Umwelt durchgeführt werden, und drücken aufs Tempo.

Umweltgruppen sind der Ansicht, dass diese Tests nicht durchgeführt werden können, ohne geltendes Recht zu verletzen – das Inkaufnehmen des Todes von Tieren ist nur erlaubt, wenn dies eine Spezies nicht im Bestand gefährdet –, und stehen in den Startlöchern, die US-Regierung zu verklagen. Was erst möglich ist, wenn die Bewerberfirmen, die diese Tests durchführen wollen, ein Go erhalten haben und beginnen können.

Die Karibus und „der heilige Ort, wo alles Leben beginnt“

Ich erinnere mich daran, wie ich während des tiefen, langen Winters in Old Crow das erste Mal Karibus begegnet bin, bei einem Spaziergang die Straße nach Crow Mountain hinauf bei minus 25 Grad. Ein Dorfbewohner ist mit dem Skidoo neben mir stehengeblieben, und wir blicken zusammen auf die drei Tiere nur 20, 30 Meter vor uns.

„Wie schön sie sind“, steht in meinem Tagebuch. „Wenn sie über die Straße springen, ist es eher wie ein Tanzen. Es ist wahrhaft ein Tänzeln mit allen vier Beinen. Unfassbar, aber ich sehe die Ähnlichkeit zum Jiggen, dem lokalen Tanz, wo die Füße zu flotter Fiddle-Musik bewegt werden.“
‚Beautiful!‘, sage ich. ‚Die weiblichen Tiere kalben bald‘, erklärt er mir, ‚jetzt im Frühjahr. Dann ziehen sie in den Norden zu den ‚calving grounds‘. Weißt du was? Die Tiere, die hier überall verstreut sind, spüren, wenn die Leittiere kilometerweit entfernt entscheiden, zu den ‚calving grounds‘ aufzubrechen, und dann ziehen sie alle dorthin, strömen in die gleiche Richtung, treffen zusammen. Rein intuitiv.'“

Ich habe die ‚calving grounds‘ nie gesehen. Der 300-Einwohner-Ort Old Crow, in dem ich war, ist etwa 300 Kilometer südlich davon. Außerdem ist das Gebiet für die Gwich’in zu heilig, um es zu betreten, selbst in Hungerperioden früherer Zeiten haben sie sich davon ferngehalten. Der Gwich’in David Solomon beschreibt es so: “Für jeden da draußen, der wissen möchte, wie schön das Arctic National Wildlife Refuge ist, setz dich hin und sieh dir deine Kinder an. Siehst du, wie schön deine Kinder sind? Das ist Mutter Natur, und so schön wie sie ist das Refuge.“

Die Vorstellung ist erschütternd, was die Rohstoffindustrie für das fragile Ökosystem bedeuten würde, für die sensiblen Kälber und die erschöpften Mutterkühe, die eine Tausende Kilometer lange Wanderung hinter sich haben. Die Coastal Plains sind mit ihren Bedingungen als Schutz- und Ruheort sowie als Nahrungsquelle einzigartig. Wenn sie den Karibus nicht mehr zur Verfügung stehen, ist eine Dezimierung der Herde laut Gwich’in-Elders und wissenschaftlichen Studien die unabwendbare Folge.

Noch immer werden die Rechte indigener Völker missachtet

2018 sollte kein Jahr mehr sein, in dem Regierungen mit weißer, kolonialistischer Machtgeste indigenen Völkern ihr Land wegnehmen können. Es gibt Vereinbarungen und rechtliche Rahmen. Die von den USA unterzeichnete UN-Deklaration für die Rechte indigener Völker betont ausdrücklich, „in Anerkennung der dringenden Notwendigkeit, die angestammten Rechte der indigenen Völker, die sich aus ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und ihrer Kultur, ihren spirituellen Traditionen, ihrer Geschichte und ihren Denkweisen herleiten, insbesondere ihre Rechte auf ihr Land, ihre Gebiete und ihre Ressourcen, zu achten und zu fördern“.  „Indigene Völker haben das Recht auf das Land, die Gebiete und die Ressourcen, die sie traditionell besessen, innegehabt oder auf andere Weise genutzt oder erworben haben“, und die Staaten versprechen, „wirksame Maßnahmen (zu ergreifen), um sicherzustellen, dass ohne die freiwillige und in Kenntnis der Sachlage erteilte vorherige Zustimmung der indigenen Völker in deren Land oder deren Gebieten keine gefährlichen Stoffe gelagert oder entsorgt werden.“

Die Infrastruktur, die nun geplant ist, Bohrtürme, Straßen, Pipelines, Gebäude, die Verwendung und das Hinterlassen von Chemikalien und verschmutztem Wasser, die belegbare Gefahr von Ölkatastrophen durch Lecks, für deren Beseitigung es so hoch im Norden nur ungenügend oder keine Mittel gibt, all das steht in hanebüchenem Gegensatz zum Geist der UN-Deklaration.

Auch eine Vereinbarung zwischen Kanada und USA, das Porcupine Caribou Agreement von 1987, wird gebrochen: Sie verpflichten sich darin, die Porcupine-Karibuherde, ihre Routen und ‚calving grounds‘ zu schützen, und garantieren den Gwich’in Beteiligung in allen Prozessen, die dieses Thema betreffen. Konsultationen finden aber so gut wie nicht statt, und Hearings sind oft viel zu kurz anberaumt, um alle zu Wort kommen zu lassen.

#protectthearctic – in Solidarität mit den Gwich’in

Die Gwich’in kämpfen inzwischen mit ihrem Einsatz für die Karibus und die ‚calving grounds‘ um ihr Leben. Etliche Gruppierungen, Arktis- und Umweltaktivisten wie die Wilderness League Alaska und der Sierra Club, und Firmen haben sich hinter die indigenen Vorkämpfer gestellt. Es gibt Divest-Kampagnen, und inzwischen sind die Gwich‘in auch bei den UN vorstellig und haben eine Resolution eingereicht zur Unterstützung ihres Anliegens, die Indigenous Rights Declaration hochzuhalten und damit den Schutz der Coastal Plains.

Online unter dem Hashtag #protectthearctic und anderen sind täglich neue Infos und Fotos, Links und Aktionen von Indigenen, Umwelt- und Klimaschützern und Arktisfreunden zu finden. „Normalerweise“, sagt Adam Kolton von der Wilderness League Alaska, „wäre dieses Thema, die furchtbare Gefahr für das Arctic National Wildlife Refuge, auf allen Titelseiten der US-Presse. Aber die Zeiten spielen verrückt.“

Gibt es noch einen Weg, zu verhindern, dass amerikanische Politiker „unter dem Radar“ Tatsachen schaffen und unbemerkt das heilige Arctic Refuge der Ölindustrie öffnen können?

Hoffen wir es.

Petra Krumme, 17. Dezember 2018


(der ursprüngliche Artikel erschien in der Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“, Ausgabe 307, 04/2018)

Autoreninfo:
Petra Krumme studierte Germanistik und Politikwissenschaft und arbeitet als Lektorin und Texterin. 2016/17 verbrachte sie acht Monate in der kleinen indigenen Fly-in-Community Old Crow/Yukon in Nordkanada, um das Leben der Gwich’in kennenzulernen und mal einen richtigen arktischen Winter in der Wildnis zu erleben.

Foto der Gwich’in-Community Old Crow: Petra Krumme
alle anderen Fotos: US Fish and Wildlife Service

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