Mai 16, 2020

Der lange Weg des Zeremonienhemds von Chief Hollow Horn Bear

„Das könnten die Haare meiner Großmutter sein.“ Duane Hollow Horn Bear streicht über eine der Haarsträhnen des Lederhemds, das mit Perlenstickereien verziert und mit Haarsträhnen besetzt ist. „Hairshirt“ wird es genannt und wird derzeit im Weltkulturen Museum in Frankfurt aufbewahrt.

Chief Hollow Horn Bear – Häuptling der Sicangu-Brulé Lakota

Chief Hollow Horn Bear war ein bedeutender Häuptling der Sicangu-Brulé Lakota.

Er besaß mehrere Zeremonienhemden, die nach Sitte der Lakota jeweils für bestimmte Gelegenheiten mit Bedacht und Bedeutung angefertigt worden waren. 

Auf dem Bild ist jenes Zeremonienhemd zu sehen, das derzeit in Frankfurt aufbewahrt wird und mit dem er 1905 in Washington D.C. fotografiert wurde. 

Hollow Horn Bear war auf Einladung des Präsidenten Theodore Roosevelt nach Washington D.C. gereist und nahm an der Inauguration-Parade am 4. März 1905 teil. Er ritt er Seite an Seite mit anderen bedeutenden Häuptlingen in Parade: Little Plum, Blackfeet, Buckskin Charley, Ute, Geronimo, Chiricahua Apache, Quanah Parker, Comanche und American Horse, Oglala Sioux.

Chief Duane Hollow Horn Bear – Bewahrer der Traditionen 

Chief Hollow Horn Bear war der Urgroßvater von Chief Duane Hollow Horn Bear. Duane ist anerkannter Führer der Sicangu-Brulé Lakota in der Rosebud Reservation. Seit vielen Jahren ist er damit beschäftigt, Artefakte seines Stammes, vor allem seines Urgroßvaters, so wie er sagt ,,nach Hause zu holen“.

Rituale und Zeremonien sind in vielen Kulturen und Traditionen ein wichtiges Bindeglied für den Zusammenhalt von Gemeinschaften. Sie dienen der Überlieferung und Weitergabe von Werten wie dem respektvollen Umgang mit Natur und Mensch. Durch das Ehren der Ahnen bleibt der Zugang zu einer scheinbar vergangenen Welt offen. Die Weitergabe spiritueller Gegenstände von einer Generation zur nächsten macht diese Verbindung bildhaft und greifbar. Diese „heiligen“ Gegenstände können Federschmuck, Federhauben, Kleidung, Instrumente und anderes mehr sein. Sie stehen für generationenübergreifendes Wissen, Weisheit, Mut, Zusammenhalt und Tradition. Sie versöhnen mit der Vergangenheit und geben Hoffnung für die Zukunft.

Auf den Spuren des Hairshirts 

In der Familie von Hollow Horn Bear wird überliefert, dass er 3 Zeremonienhemden besaß, die für seine Reisen nach Washington D.C. angefertigt wurden. Eines dieser drei Shirts ist noch in Familienbesitz und wird bei wichtigen Zeremonien verwendet. Die zwei anderen waren bisher verschollen. Jahrelange Recherchen brachten Duane Hollow Horn Bear schließlich auf die Spur dieses Zeremonienhemds mit den markanten Sternen.

Nach der Kontaktaufnahme mit der Kustodin für Nordamerika des Weltkulturen Museums, Frau Dr. Mona Suhrbier, hatte das Museum einer Besichtigung zugestimmt. 

Duane Hollow Horn Bear in Frankfurt, 2019

Duane Hollow Horn Bear mit Ehefrau und Enkel in Frankurt, Sommer 2019

Im Sommer 2019 ist ein Traum für Duane Hollow Horn Bear wahr geworden: er konnte das Lederhemd seines Urgroßvaters in Begleitung seiner Frau und seines Enkels in Frankfurt besuchen.

Das prachtvolle Lederhemd – Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft 

Chief Duane Hollow Horn Bear erzählt über die Bedeutung des Hairshirts, das ein Symbol einerseits für die Position seines Urgroßvaters und andererseits für seinen bedeutenden Auftrag als Gesandter seines Volkes in Washington D.C. war. Er spricht über die Bedeutung der Farben, der Muster und Symbole, die wir auf dem Lederhemd sehen. 

Hairshirt Chief Hollow Horn Bear

Das Zeremonienhemd von Chief Hollow Horn Bear

Das Shirt ist in einem ausgezeichneten Zustand. Während das historische Foto von Chief Hollow Horn Bear mit dem Lederhemd nur graue, schwarze und blassweiße Farben zeigt, sehen wir ein prächtiges Kleidungsstück, das obere Teil durchgehend grün gefärbt, mit Perlenornamentik in Rot, Blau und Gelb auf weißem Perlengrund. Besonders auffallend sind die fünfzackigen Sterne – je ein blauer auf beiden Schultern und an den Oberärmeln, je ein roter an den Unterärmeln. 

Ein Vergleich mit historischen Fotos macht sicher: Es ist zweifellos jenes „Hairshirt“, das Chief Hollow Horn Bear getragen hat.

Der  Weg des Hairshirts nach Frankfurt

Von Frau Dr. Suhrbier erfährt Duane, dass das Museum das Lederhemd vom American Museum of Natural History in New York erworben hatte, welches es seinerseits von dem Sammler Phelps Stokes übernahm. Wie der Sammler aus New York zu dem Hairshirt gelangt war, kann jetzt nicht mehr eruiert werden. 

Duane erläutert, dass sich sein Urgroßvater niemals von diesem Zeremonienhemd getrennt hätte. Das Hemd war in besonderem Auftrag von Familienmitgliedern angefertigt worden, es trug die Haare seiner Familienmitglieder. Damit war es mehr als ein gewöhnliches prachtvolles Kleidungsstück. Es war zu einem Symbol mit Bedeutung geworden, ein Artefakt, das an zukünftige Generationen weiter gereicht werden sollte, um diesen Geist lebendig zu halten. Niemals würde ein Sicangu Lakota sich davon trennen – damals nicht und heute auch nicht.

Mag der Erwerb des Shirts vom Museum in Frankfurt rechtens gewesen sein, der Weg vom Körper Chief Hollow Horn Bears zu jemand, der es als Sammler- oder Museumsstück weiterverkaufte, war es sicher nicht. 

Hoffnung in schwierigen Zeiten

Jetzt – Mai 2020 – herrscht in der Rosebud-Reservation eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Wie auch im Rest der Welt hält ein fremdes Virus die Bewohner der Reservation fest im Griff.

Zusammenkünfte mehrerer Menschen sind untersagt. Somit können derzeit auch keine Zeremonien abgehalten werden. Traumata aus nicht langer vergangener Zeit werden wieder aktiviert. Bis in die 1970iger Jahre war es in den Vereinigten Staaten verboten, bestimmte Zeremonien durchzuführen. Nun ist es wieder soweit. Es soll zum Schutze der Bevölkerung sein. 

Duane meint in einem Telefonat mit mir, dass doch gerade jetzt Zeremonien und gemeinsame Gebete helfen würden. Trotzdem hat er Hoffnung. Hoffnung, dass sein Volk auch diese Krise überstehen wird und Hoffnung, dass sich nach über 100 Jahren der Kreis schließen wird und noch dieses Jahr das prächtige Lederhemd seines Urgroßvaters den Weg zurück nach Hause findet. 

Gerry Stiegner

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Gerry Stiegner (links), Duane Hollow Horn Bear (rechts) mit Ehefrau Elsie und Enkel Mason


Zum Autor:
Gerry Stiegner ist Ostheopat mit eigener Praxis in Wien. Er ist seit 2015 mit Chief Duane Hollow Horn Bear freundschaftlich verbunden. Er hat ihn und seine Familie mehrfach in der Rosebud Reservation in Süd-Dakota besucht und er lädt Duane auch immer wieder nach Österreich für Veranstaltungen ein. Er unterstützt Duane Hollow Horn Bear aktiv dabei, dass das Hairshirt von Chief Hollow Horn Bear seinen Weg nach Hause findet.
Mehr zu Gerry Stiegner: http://www.stiegner.at


Der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas unterstützt in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der European Alliance for the Self-Determination of Indigenous Peoples die Rückgabe des Zeremonienhemds („Hairshirts“) von Chief Duane Hollow Horn Bear an die Sicangu-Brulé Lakota.
Am 16. Mai 2020 wurde vom Arbeitskreis im Namen der Alliance an Frau Dr. Eva Raabe, Direktorin des Weltkulturen Museum Frankfurt folgender Brief geschickt:
Link zum Brief